{"id":483,"date":"1997-01-24T01:45:50","date_gmt":"1997-01-23T23:45:50","guid":{"rendered":"http:\/\/schloss-reinhardsbrunn.de\/?p=483"},"modified":"2019-03-23T14:25:00","modified_gmt":"2019-03-23T12:25:00","slug":"cousine-victoria-kam-als-sommergast-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/?p=483","title":{"rendered":"Cousine Victoria kam als Sommergast"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schloss-Stich.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-83\" width=\"1440\" height=\"904\" srcset=\"http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schloss-Stich.jpg 800w, http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schloss-Stich-300x188.jpg 300w, http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Schloss-Stich-250x156.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 1440px) 100vw, 1440px\" \/><\/figure>\n\n\n<p>Was der Sozialismus \u00fcbriglie\u00df &#8211; Teil V der WELT-Serie: Jagdschlo\u00df Reinhardsbrunn von PETER SCHMALZ<\/p>\n<p><em>Ein Jagdschlo\u00df in Th\u00fcringen erschien den Nationalsozialisten geeignet als Pendant zur ostpreu\u00dfischen &#8222;Wolfsschanze&#8220; &#8211; ein &#8222;Wolfsturm&#8220; sollte aus Schlo\u00df Reinhardsbrunn werden. Die Historie vereitelte den Plan. So schwelgt Reinhardsbrunn heute unbefangen in Geschichten aus dem europ\u00e4ischen Hochadel.<\/em><\/p>\n<p><strong>Gotha<\/strong> &#8211; An den n\u00f6rdlichen Ausl\u00e4ufern des Th\u00fcringer Waldes, nur eine gute Stunde Kutschfahrt von Gotha entfernt, liegt eine Anlage mit Zinnen und T\u00fcrmchen, zum Wohlergehen der Herz\u00f6ge von Sachsen-Coburg und Gotha erbaut und von deren englischer Verwandten Queen Victoria im vergangenen Jahrhundert gerne als Sommersitz genutzt. Die Grundmauern des Jagdschlosses Reinhardsbrunn, das heute teils als Hotel dient, teils der Renovierung harrt, wurden vor 900 Jahren gelegt. Anla\u00df war eine Geschichte von Liebe und Leid. Damals lebte in der Gegend Ludwig der Springer &#8211; so genannt, weil er der kaiserlichen Haft auf Burg Giebichenstein zu Halle durch einen Sprung aus dem Fenster in die Saale entkommen konnte. Er hatte sich ein ewigw\u00e4hrendes Denkmal gesetzt, indem er auf einem H\u00fcgel beim Flecken Eisenach eine Festung errichtete, die er Wartburg nannte.<\/p>\n<p>Die Sage erz\u00e4hlt, Ludwig sei in gl\u00fchender Liebe zur Frau des Pfalzgrafen zu Sachsen entbrannt &#8211; &#8222;ein \u00fcber die Ma\u00dfen sch\u00f6nes Weib&#8220;, so ein Chronist. Ludwig durchbohrt den Ehemann mit einem Jagdspie\u00df und nimmt die willige Witwe zur Frau. Doch wegen der Bluttat sind des Kaisers H\u00e4scher hinter ihm her und die Gewissensbisse allgegenw\u00e4rtig. Der Papst r\u00e4t dem Bedr\u00e4ngten, zur Bu\u00dfe ein Kloster zu stiften. Ludwig findet beim Ausritt an genau jener Stelle den geeigneten Platz, wo ein T\u00f6pfer mit Namen Reinhard lebt, der bekannt ringsum ist, weil neben seinem Geh\u00f6ft ein m\u00e4chtiger Brunnen sprudelt.<br>\nLudwig l\u00e4\u00dft bauen und nennt das Kloster, in dem sich Benediktiner-M\u00f6nche ansiedeln, Reinhardsbrunn. Den richtigen Baugrund glaubte er gefunden zu haben, weil im Wald, in der N\u00e4he des Brunnens, blaue Fl\u00e4mmchen aus dem Boden z\u00fcngelten, beim N\u00e4herkommen aber kein Feuer zu sehen war. Da\u00df diese Flammen kein Hirngespinst waren und da\u00df ihre Existenz der Gemeinde Friedrichroda zum Besten sein kann, wei\u00df man erst seit j\u00fcngster Zeit.<\/p>\n<p>Das Kloster wurde im Mittelalter zu einem der reichsten in deutschen Landen &#8211; durch Kauf und Schenkung, aber auch durch manche get\u00fcrkte Urkunde, was die Arbeit der Historiker um die &#8222;Reinhardsbrunner F\u00e4lschungen&#8220; bereicherte. Unheil drohte, als auf der Wartburg der M\u00f6nch Martin Luther die Bibel \u00fcbersetzte. Vier Jahre sp\u00e4ter, acht Tage vor dem Osterfest 1525, st\u00fcrmten Bauern Reinhardsbrunn, zechten sich eine Nacht lang Mut und Kraft an und schlugen dann zu: 24 Alt\u00e4re und drei Orgeln zersplitterten, die Bibliothek verbrannte, und mit den Gebeinen der Landgrafen trieben die Randalierer Schabernack. Das Kloster fand nie mehr zur alten Bl\u00fcte zur\u00fcck. Ein Plan, es nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zum Sitz eines &#8222;Collegium Hunnianum&#8220; zur Schlichtung theologischer Differenzen zu machen, scheiterte.<br>\nZu dieser Zeit ist auf den Grundmauern bereits ein Schlo\u00df errichtet, das Herzog Ernst I. von Coburg und Gotha von 1828 an nach englischem Stil in seine heutige Form bringen l\u00e4\u00dft: warmer Kalkstein mit neogotischen Fensterb\u00f6gen, spitze T\u00fcrme und Schie\u00dfscharten als Zierat. Hoheiten kommen von weither, werden als Verwandtschaft begr\u00fc\u00dft, denn Ernst I. galt als &#8222;der Schwiegervater Europas&#8220;: Sein Sohn Albert ehelichte 1840 seine Cousine Victoria, die damals schon K\u00f6nigin von England war. Zur Zeit erinnert eine &#8222;Victoria &amp; Albert&#8220;-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu Berlin an deutsch-englische Familienbande. Nach Alberts fr\u00fchem Tod verbrachte die K\u00f6nigin mehrere Sommerferien in Reinhardsbrunn und lie\u00df sich auch einmal im Morgengrauen auf dem Leiterwagen zum 919 Meter hohen Inselberg kutschieren, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Damals residierte Herzog Ernst II. auf Reinhardsbrunn &#8211; ein leidenschaftlicher J\u00e4ger, der die deutsche Sch\u00fctzengesellschaft gr\u00fcndete.<br>\n&#8222;Das war wie ein f\u00fcrstlicher Taubenschlag&#8220;, erz\u00e4hlt Hans Wolf, ein Rentner, der als Kind das herrschaftliche Treiben noch erlebte: &#8222;War der Herzog im Schlo\u00df, wehte die gr\u00fcnwei\u00dfe Fahne. War die Fahne eingeholt, gab es F\u00fchrungen.&#8220; Dann konnten die B\u00fcrger im Roten Salon auf einem Gem\u00e4lde Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha bestaunen, wie er als Prinz von Edinburgh am Kap der Guten Hoffnung auf Elefantenjagd geht. Oder sie konnten auf dem langen Korridor der Hirschgalerie mit den ver\u00e4stelten Geweihen auf den kleinen Tafeln studieren, wann und wo geschossen wurde. Hans Wolf, der Schubladen und Kartons voller Erinnerungen an Schlo\u00df und Ort hortet, war Fernsehmechaniker. Eine alte Dame, deren Ger\u00e4t er reparierte, schenkte ihm eine der gr\u00f6\u00dften Kostbarkeiten seiner Sammlung: ein Foto von 1938, das Prinzessin Sibylla von Sachsen-Coburg und Gotha im Brautkleid zeigt neben Gustav Adolf von Schweden, dem Br\u00e4utigam. Beide haben das Bild mit schwarzer Tinte signiert. Der Schwedenprinz starb neun Jahre sp\u00e4ter bei einem Flugzeugabsturz. Sohn Carl Gustaf ist heute K\u00f6nig und wie der Vater mit einer Deutschen verheiratet.<\/p>\n<p>Hans Wolf erinnert sich detailgetreu an die Vergangenheit. Ein kleiner Bahnhof war in Schlo\u00dfn\u00e4he angelegt und dazu ein noch kleinerer Pavillon, dessen Zweck er als Junge neugierig erlebte: &#8222;Die Herrschaften kamen in drei Waggons, die an den normalen Zug angeh\u00e4ngt waren: im ersten die Familie, im zweiten die Diener und im dritten die Pferde mit Kutsche.&#8220; Bis die Kutsche abgeladen und die Pferde angeschirrt waren, wartete die Familie samt Dienerschaft im Pavillon.<\/p>\n<p>Im Dritten Reich wird die Anlage an die Reichskanzlei vermietet. Sie sollte Repr\u00e4sentationssitz werden, wenn im nahen Ohrdruf das zweite F\u00fchrerhauptquartier in die Bergstollen getrieben sein w\u00fcrde. Nach der &#8222;Wolfsschanze&#8220; sollte hier der &#8222;Wolfsturm&#8220; entstehen. Bunker wurden gebaut, eine Kommandozentrale installiert. Hitler soll nie dagewesen sein, aber die meisten seiner goldbetre\u00dften H\u00f6flinge. Generalfeldmarschall Albert Kesselring taucht in den letzten Kriegstagen mit einem Stab auf, das Bernsteinzimmer wird in Kisten verpackt zwischengelagert, allerhand Kunstg\u00fcter nehmen \u00fcber Reinhardsbrunn ihren Weg nach irgendwo. Die Fahrer der Transporte, erz\u00e4hlt man sich, wurden am Ende der Reise erschossen.<\/p>\n<p>Amerikaner und Russen liefern sich schlie\u00dflich einen Wettlauf um das Schlo\u00df, denn dort, so erfahren ihre Sp\u00e4her, habe sich die Finanzelite des zusammenbrechenden braunen Reiches versammelt &#8211; und damit wohl auch das Wissen um den Verbleib des Goldschatzes der Reichsbank. Die US Army macht das Rennen, einer der Inhaftierten gibt nach kurzer, aber intensiver Befragung den geheimen Ort preis: 30 Kilometer Luftlinie westw\u00e4rts, in den wei\u00dfen Stollen des Salzbergwerks bei Merkers. Eisenhower und sein Panzergeneral Patton steigen pers\u00f6nlich hinab in die salzige Schatzkammer, in der Tonnen von Gold und Tausende von Gem\u00e4lden lagern. Heute gibt&#8217;s F\u00fchrungen f\u00fcr 35 Mark.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg wird das Schlo\u00df erst russisches Lazarett, dann Feuerwehr- und Polizeischule des DDR-Innenministeriums. In den sechziger Jahren werden Haupt- und Nebengeb\u00e4ude, vor allem das noble Kavaliershaus, zum Hotel umgebaut. Die Wirtschaftsf\u00fchrer des Ostblocks tagen hier, Wissenschaftler treffen sich zum Gedankenaustausch. Im Kavaliershaus d\u00fcrfen auch Westg\u00e4ste wohnen, vermittelt von einem Hamburger Reiseb\u00fcro. Nach dem Mauerfall wird die Evangelische Kirche in Th\u00fcringen f\u00fcr einige Jahre Eigent\u00fcmer, verkauft aber Schlo\u00df und Park an die Hotelgruppe Travel Charme, hinter der betuchte Investoren stehen. Sie f\u00fchren das Kavaliershaus weiter (die 19 Doppelzimmer kosten ab 180 Mark) und planen, das geschlossene Haupthaus in den n\u00e4chsten Jahren f\u00fcr 45 Millionen Mark auszubauen.<br>\nW\u00e4hrend das alte Gem\u00e4uer noch auf die Handwerker wartet, wird jenseits der Schlo\u00dfmauer schon eifrig gewerkelt. Dort wurde in 50 Meter Tiefe Mineralwasser gefunden, das bald \u00fcber drei Brunnen nach oben str\u00f6men soll: einer f\u00fcr den Ort und zwei f\u00fcr eine Mineralwasserfabrik, die von Mai an Reinhardsbrunner Wasser in Flaschen f\u00fcllen will. Hagen Schierz von der \u00f6rtlichen Kur- und Touristik-Gesellschaft ist sicher: &#8222;Die blauen Fl\u00e4mmchen, die Ludwig der Springer gesehen hat, waren Gase, die vor bald 1000 Jahren aus dem Mineralwasser aufgestiegen sind.&#8220;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was der Sozialismus \u00fcbriglie\u00df &#8211; Teil V der WELT-Serie: Jagdschlo\u00df Reinhardsbrunn von PETER SCHMALZ Ein Jagdschlo\u00df in Th\u00fcringen erschien den Nationalsozialisten geeignet als Pendant zur ostpreu\u00dfischen &#8222;Wolfsschanze&#8220; &#8211; ein &#8222;Wolfsturm&#8220; sollte aus Schlo\u00df Reinhardsbrunn werden. Die Historie vereitelte den Plan. 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