{"id":429,"date":"2004-06-10T21:02:18","date_gmt":"2004-06-10T19:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/schloss-reinhardsbrunn.de\/?p=429"},"modified":"2019-03-23T14:08:50","modified_gmt":"2019-03-23T12:08:50","slug":"eva-und-der-wolf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/?p=429","title":{"rendered":"\u00bbEva und der Wolf\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/hc_evaund1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-430 alignleft\" src=\"http:\/\/www.schloss-reinhardsbrunn.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/hc_evaund1.jpg\" alt=\"hc_evaund1\" width=\"142\" height=\"220\" \/><\/a>von Eva-Maria Hagen<br \/>\nEcon Verlag | 542 Seiten | Diederichs, M\u00fcnchen | 1998 | ISBN 3424013609<\/p>\n<hr \/>\n<p>Am 18.01.1999 wurde Eva-Maria Hagen f\u00fcr \u00bbVerdienste um die deutsche Sprache\u00ab mit der \u00bbCarl-Zuckmayer- Medaille\u00ab in Mainz ausgezeichnet.<br \/>\nDen Preis erhielt sie f\u00fcr ihr Buch \u00bbEva und der Wolf\u00ab.<\/p>\n<p>Seite 18 bis 29: Reinhardsbrunn, 21. 10. 65<br \/>\nMein Liebster! Die meiste Zeit verbringe ich damit, an Dich zu denken, denn meine Sehnsucht nach Deiner N\u00e4he ist sehr gro\u00df, obwohl es am\u00fcsant hier ist und interessant. Schon mal Weimar. Und dann das Schlo\u00df, in dem ich wohne, mit den bunten B\u00e4umen vor der T\u00fcr. Reinhardsbrunn hei\u00dft es und liegt bei Friedrichsroda.<\/p>\n<p>Gestern war eine Art Fest im \u00b4Elephanten\u00b4, da habe ich paar kesse Lieder gesungen im heiteren Teil und was f\u00fcrs Herz. Im ersten Teil war ernste Kunst. Eine dicke Dame von der Oper sang mit dramatischer Geb\u00e4rde eine Arie und strengte sich sehr an dabei, so da\u00df man nicht verstand, worum es ging. Dann waren paar Kn\u00f6delheinis an der Reihe; aber selbst das h\u00e4ttest Du besser gekonnt und man h\u00e4tte was zum Lachen gehabt. Aber so &#8230;<!--more--><br \/>\nDa waren die Herren Chefs der Milit\u00e4reinheiten s\u00e4mtlicher Bruderstaaten erschienen, auch Kuba war vertreten. Man war ganz extraordin\u00e4r freundschaftlich zum Verbindungsmann aus der Karabik, zu Fidels Bruder Raul Castro n\u00e4mlich, in dem er von hinten und vorn hofiert wurde. Am liebsten h\u00e4tten sie ihm noch Zucker in de A&#8230;lllerwertesten geblasen, aber davon hat er selbst genug.<br \/>\nDann die Zivildienstleistenden: Matern, Stoph, Paul Verner, aus Halle Genosse Sindermann, einer von der Landwirtschaft, Wirtschaftsbo\u00df Sowieso und zwischen den Fronten dieser Mielke von der Staatssicherheit, den ich doch dummerweise nur f\u00fcr den Adjudanten von Hoffmann hielt (letzterer mu\u00df heute einen steifen Hals haben, weil er ihn nach mir verrenkte aus dem Abseits heraus, weiter weg vom Parkett, hinter St\u00fctzpfeiler und B\u00f6gen plaziert, vor Fleischeslust und Eifersucht aus allen N\u00e4then platzend, der mich zu gern ins F\u00fcrstengemach ein Stockwerk h\u00f6her kommandiert h\u00e4tte, n\u00f6tigenfalls vom Servierer als Betthupferl aufs Paradekissen drapieren lassen) und das kr\u00e4nkte den kleingeratenen Erich, glaube ich, da\u00df ich ihn nicht einzuordnen wu\u00dfte, denn der tanzte ganz bewu\u00dft nicht mit mir, w\u00e4hrend die anderen nur so an mir rumzerrten. (&#8230;)<br \/>\nDer \u00b4Elephant\u00b4 war au\u00dferdem dicht bev\u00f6lkert von kr\u00e4ftigen, sonst nicht weiter auff\u00e4lligen, in m\u00e4\u00dfig elegante Anz\u00fcge gesteckten Herren: n\u00fcchtern bis zum Stehkragen und stechenden Blicks, dem nichts entgeht. Einen der \u00b4Schr\u00e4nke\u00b4 fragte ich, ob er zur Artistentruppe geh\u00f6re, ein Kaskadeur w\u00e4re. Er lief rot an vor Freude, dar\u00fcber, ob ich ihm solche K\u00f6rperbeherrschaftheit zuttraute und man ihm seinen Job nicht ansah: Er sch\u00fcttelte bedauernd den Kopf.<br \/>\nDer Sindernmann ist doch nett. Er hat mich nach den offiziellen Darbietungen den Krallen der milit\u00e4rischen Einheitsfront entrissen und den anderen Hohen von der politischen Elite vorgestellt. Die wollten dann, da\u00df ich noch mal singe f\u00fcr sie ganz allein, an ihrem Tisch, in greifbarer N\u00e4he. Also gut. Ich sang erst dies und das, dann &#8230;\u00b4Genosse Sindermann, Ihr Steckenpferd ist die Kultur. Sie haben ein offenes Herz f\u00fcr die Kunst. Passen Sie auf! Ich bring was von einem Dichter unserer Zeit, den ich sch\u00e4tze und verehre. Mal sehn, ob Sie rauskriegen, wer gemeint ist.\u00b4 Ich sagte \u00b4Kunstst\u00fcck\u00b4 und fing an mit: &#8222;Wenn ich mal hei\u00df bin &#8230;&#8220;<br \/>\nSchon am Nachmittag hatte ich damit gelieb\u00e4ugelt, den Genehmiger gefragt, ob was dagegen einzuwenden w\u00e4r. Der hat sich den Text nervenzuckend angesehn, dachte, bei der Lieben-Gott-Strophe ist das Lied zu Ende und gestatte es g\u00f6nnerhaft. Dann bl\u00e4tterte er um, erbleichte: Nein, lieber nicht. Er bl\u00e4tterte noch eine Weile selbstverloren in meinem Liederbuch, rotfleckig hin und hergerissen, wie Halbw\u00fcchsige sich Nacktfotos ansehn, konnte sich kaum losrei\u00dfen. Mit einem weniger \u00b4tendizi\u00f6sen\u00b4 Song w\u00e4re er einverstanden gewesen, aber da hatte ich Bedenken wegen meiner Gitarrenbegleitung. So mu\u00dfte ich auf seine Anordnung: ?Den Biermann nicht, klar?!&#8220; leider resignieren.<br \/>\nAber nun im engsten Kreis der Regierung &#8230; Ich sang gut, frech und unerschrocken, in mir war Mut von tausend Mann. Die Herren waren sehr sehr aufmerksam. Sie meinten wohl, es w\u00e4re ein Test auf ihre Allgemeinbildung. Bei der Stelle &#8222;Und spendier Stalin ein Bier&#8220; hatte sich der Raum h\u00f6rbar elektrisch aufgeladen, es knisterte vor Hochspannung zwischen mir und dem Pulk und ich stellte ziemlich unterschiedliche Reaktionen fest. Sindermann sagte spontan und wie aus der Pistole geschossen:&#8220;Biermann.&#8220; Und geradezu vers\u00f6hnlich, vertraulich famil\u00e4r: &#8222;Nat\u00fcrlich unser W\u00f6lfchen, wer denn sonst.&#8220;<br \/>\nVerner stampfte auf wie Rumpelstielzchen, drehte sich um die eigene Achse, giftete z\u00e4hneknirchend: &#8222;Nicht zu fassen!&#8220; &#8230;<br \/>\n&#8230; Stoph l\u00e4chelte gelassen, doch seine Augen waren kaltwach und beobachtend. Einer sagte jovial, ich glaube der, welchem die Wirtschaft untersteht: ?Wir sind doch keine Stalinisten.&#8220; Er meinte damit wohl, da\u00df man sowas ruhig laut sagen darf, ohne f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, deswegen auf die Schwarze Liste zu kommen.<br \/>\nAlle waren angegangen, hatten Schwitznacken, eine feuchte Aussprache, redeten durcheinander und aufeinander ein, wie das in vorger\u00fcckter Stunden M\u00e4nnervereine zu tun pflegen, taten, als wollten sie die Welt aus\u00b4n Angeln heben; bis auf Seine Graue Eminenz und parr hager wirkende Beobachtungsposten, die blieben zugekn\u00f6pft. Die Namen konnte ich mir nicht alle merken. Es waren zu viele auf einem Haufen. Sie gaben sich tolerant, humorig, selbstgef\u00e4llig. Zur letzten Strophe war ich nicht mehr gekommen, da w\u00e4r ihnen das Lachen vergangen, wenn ich auf s\u00e4chsisch gelispelt h\u00e4tte: Ausweis bitte! &#8230;<br \/>\n&#8230; Heut bin ich in Erfurt. Die gro\u00dfen Hotels sind f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung gesperrt. Ein Kommandant hat zu bestimmen. Bisher waren es immer h\u00fcbsch artige Kommandanten gewesen, h\u00f6flich, zuvorkommend, die, wie einst bei kunstliebenden K\u00f6nigen, den K\u00fcnstlern feine Speisen bringen lie\u00dfen, Lik\u00f6r aus Frankreich&#8230;<br \/>\nVorhin war eine Probe, in einem Glashaus. Von der IGA (Internationale Gartenausstellung). Bl\u00e4tter waren noch an den B\u00e4umen und der Wind trieb viele vor sich her. Obwohl Walter Ulbricht kommt! Also, was Du behauptest, von wegen wegfegen das Laub und von den B\u00e4umen pfl\u00fccken. Du \u00fcbertreibst eben doch, ich hab mich selbst \u00fcberzeugt.<br \/>\nEin \u00fcberforderter Verantwortlicher f\u00fcr heut abend, ein Oberstleutnant hielt uns eine unverantwortliche Rede, nein, mehr eine milit\u00e4rische Ansprache, Befehlserteilung im Telegrammstil. Wir wurden wie Kadetten ermahnt, ja disziplin zu wahren. Da knallte meine Hand auf\u00b4n Tisch und der Satz: Da h\u00f6rt sich ja doch alles auf! &#8211; gleich hinterher. Er war zusammengezuckt, als w\u00e4r ein Schu\u00df gefallen. So was freches war ihm noch nicht vorgekommen unter den Kom\u00f6dianten. Und er fragte schneidend, ob er zuviel gesagt h\u00e4tte: Ich antwortete: &#8222;Entschieden!&#8220; &#8230;<\/p>\n<p>Reinhardsbrunn, 2. 10. 65<br \/>\n&#8230; Gestern, das war vielleicht noch ein Theater. Sie hatten ein Aufgebot an Zitert\u00e4nzerinnen und Gesangssolisten engagiert und meine Reaktionen auf die Ermahnung zur Disziplin hatte groteske Folgen. \u00dcbrigens waren die Helden m\u00fcder als am Vortag, hatten nicht rausgefunden aus den Betten. Um sieben sollte das Man\u00f6ver laut Einsatzplan weitergehen, aber die Kampfmoral ist auch nicht mehr, was sie mal war: Schwer angenockt vom Nachtleben in der Provinz, das nach Augenzeugenberichten bis in die Fr\u00fch rein ging, setzte sich der Tro\u00df, bereits vorm Angriff abgek\u00e4mpft, in Bewegung. &#8211; Jedenfalls f\u00fchlte ich mich gestern verschaukelt und unter aller Sau behandelt. In einem provisorischen Nebengela\u00df hatte man die Unterhalter einquartiert (wie Zaung\u00e4ste), von wo aus man die Speisenden, ihre sich langsam r\u00f6tenden Gesichter und prall werdenden B\u00e4uche \u00fcbersehen konnte &#8211; und wo wir auf unseren Auftritt zu ebener Erde warteten.<br \/>\nEs war ein Spreuprogramm. Wei\u00dft Du, was das ist, ein Spreuprogramm? Nun, wo Spreu und Weizen nicht voneinander getrennt sind und man fressen mu\u00df, was auf\u00b4n Tisch kommt. Etwa so: die Musik spielt was zur Untermalung des Kauens und Schmatzens, wasa zur Erbauung, f\u00fcr die Verdauung. Dazwischen kommt der Schleuderakt, ein Zauberer mit halbnackter Assistentin oder eine Bodennummer, die bietet den Pers\u00f6nlichkeiten was Appetitanregendes. Und wenn die Herrn schauen wollen, schauen sie und wenn sie essen wollen, dann nagen sie am Schenkel vom Fasan. Trotzdem waren Sie gn\u00e4dig, taten volksverbunden und spendeten mehr oder weniger emphatisch Applaus. Walter Ulbricht war doch nicht gekommen. Vielleicht hatte Lotte interveniert, weil sie wohl ahnte, welch Lotterleben sich hinter den feindlichen Linien, d.h. auf so traditionellen Man\u00f6verb\u00e4llen abspielt &#8211; und ich nehme meine Zweifel im vorigen Brief, da\u00df Du Dir das aus\u00b4n Fingern saugst mit dem Bl\u00e4tterpfl\u00fccken im Falle des Erscheinens des 1. Sekret\u00e4rs, mit Bedauern zur\u00fcck und behaupte das Gegenteil. Wenn mich nicht alles t\u00e4uscht, schmulte daf\u00fcr Honecker bei meiner Darbietung vom \u00b4Sch\u00e4ferduett\u00b4und der Ritter-Ballade vom \u00b4Keuchheitsg\u00fcrtel\u00b4 wie ein verklemmter M\u00f6nch an mir runter und vorbei ins Aus. Vielleicht war es auch nur sein Lichtdouble.<br \/>\nDoch vorher, wie ich da so sa\u00df, fiel mir messerscharf unsere klassenlose Gesellschaft ins Auge. Die Situation erzeugte eine Leichenkellerstimmung. Ich f\u00fchlte mich unterk\u00fchlt, wollte nach Hause, \u00fcberlegte ernsthaft, was passieren w\u00fcrde, wenn ich meine Siebensachen greife und einfach abhaue. Meine Opposition, die Dank Deiner Anstiftung reichlich Kraftfutter bekommen hat, stieg und wucherte. Ich sagte, da\u00df ich mir wie in einem Ghetto vorkomme und die Uniform vom Nachmittag, die mit dem schmalen Denkverm\u00f6gen, wu\u00dfte den Begriff nur bei den Nazis anzusiedeln. Und da scho\u00df sein DDR-Nationalbewu\u00dftsein j\u00e4h und gelb in seine Wangen. Er f\u00fchlte seinen gro\u00dfen Auftritt nahen und zitternd vor Lampenfieber sagte er, wir k\u00f6nnten auch, wenn es mir nicht pa\u00dft, den Vertrag vorzeitig l\u00f6sen. Und ohne Sinn, zusammenhanglos: Wenn laut Protokoll nicht getanzt wird, wird nicht getanzt. Um 24 Uhr hat alles im Bus zu sein. Und das gilt auch f\u00fcr Sie, Frau Hagen! Ich kriege auch nur meine Anweisungen &#8230;<br \/>\nOh, da war ich aber aufgebracht! Als ob ich hergekommen w\u00e4r, um zu tanzen, als ob ich hingelaufen w\u00e4r, um jemanden zum Tanz zu bitten, als ob ich angereist war, um mir milit\u00e4rische Anweisungen geben zu lassen, diese wom\u00f6glich noch zu befolgen. Die Dinge, die ich ihm sagte, hatten es in sich und lie\u00dfen sein aufgesetztes L\u00e4cheln einfrieren; ich wei\u00df, wie man solche Kotztypen schockt, ohne sein Gesicht zu verlieren.<br \/>\nDann bog der Schnitzler vom \u00b4Schwarzen Kanal\u00b4 ins \u00b4K\u00fcnstlerviertel\u00b4 ein. Er hat eine Vorliebe f\u00fcrs Milieu. Das luxuri\u00f6se Nachtmahl hatte ihn w\u00fclstig gemacht, redselig, aufger\u00e4umt. Ein galanter L\u00fcstling mit Manieren, duftw\u00e4sserchen-durchtr\u00e4nkt, polierte Fingern\u00e4gel, H\u00f6fling im engeren Ring, ein Typ, der seinen Platz in Thronn\u00e4he behauptet. Nicht zu vergessen das Dessert: Wackelpudding und Flitterhintern, feuchtgl\u00e4nzende Teile von Haut, Evas zwei- bis eindeutige Liedchen; zus\u00e4tzlich die F\u00fchrungsmannschaft-Atmosph\u00e4re hatten ihn angespitzt und lie\u00dfen den Adelsherren sich nonchalant herablassen. Wir hatten Selterswasser hingestellt gekriegt, er schmuggelte auf Kosten des Fu\u00dfvolks &#8211; am laufenden Band Wodka und Kognak in die Abseite. Dann wollte er tanzen. Und zwar mit mir. Ich wollte nicht. Und nicht nur wegen der Anweisungen. Also machte der Lord auf Konversation, war eine sprechende Zeitung, quakte mit verkl\u00e4rter Geheimnistr\u00e4gerblick und konspirativem Froschaugenaufschlag: Achtzigtausend Mann w\u00e4ren die Woche \u00fcber in st\u00e4ndiger Bewegung, das m\u00fc\u00dfte man sich mal vorstellen. Wozu das, fragte ich; wei\u00df wirklich nicht, was er meinte. Wegen der Unsummen, die da verpulvert werden, wohl nicht. Mein lieber Kokoschinski, sagte einer aus der Hintermannschaft, ein Normalverbraucher kann sich \u00fcberhaupt nicht vorstellen, wieviel Metall zur Zeit auf Achse ist. Dabei ist das ein Klacks, gemessen an dem, was wir noch in der Hinterhand haben. &#8211; Karl-Eduard aber wollte sich jetzt am\u00fcsieren und sagte beschwingt: Alles zu seiner Zeit. Zum Wohle, die Damen! &#8230;<br \/>\n&#8230; Dann r\u00fcckte Sindermann ins Ghetto ein, um mich aufzufordern. Dem sagte ich provokativ; Tut mir leid, V\u00e4terchen Bezirkssekret\u00e4r. Tanzen ist verboten (den famili\u00e4ren Ton kann ich mir erlauben, sein Sohn Peter war mein Filmpartner und einst schwer in mich verliebt, erinnerst Du Dich: Halle, unsere Begegnung, das Geballer an der T\u00fcr im \u00b4Roten Ro\u00df\u00b4. Und ich war bei denen im Garten mit Hollywood-Schaukel und Posten vor der T\u00fcr). Da nahm mich der Alte spitzb\u00fcbisch-kumpelhaft an der Hand, f\u00fchrte mich aufs Parkett; vielleicht machte es ihn \u00b4scharf\u00b4. Denn wie der Dicher sagt: ?Keiner tut gern tun, was er tun darf.&#8220; Als n\u00e4chstes schunkelte ich mit dem Gutgen\u00e4hrten von der Wirtschaft durch Schall und Rauch, den sie gestern komplizenhaft zum Kulturminister ernannt hatten; kleiner interner Scherz der Herren, worauf ich mir aber keinen Reim machen konnte &#8211; und der sagte in \u00fcberzeugtem Brustton, da\u00df ich sch\u00f6n w\u00e4re, klug, eine sozialistischen Hexe, hihi. Und das Lied von Dir gestern h\u00e4tt ihm toll gefallen: ?Gro\u00dfartig, der Biermann, das ist unser Mann! Von seinem Schlag m\u00fc\u00dften wir mehr haben.&#8220; Ist das eine Aussage!? &#8211; die ich hiermit schriftlich festhalte als Beweis, wenn einer was will. Mit hei\u00dfem Atem wie Strahlemann &amp; S\u00f6hne hat er das gehaucht. Ich bin mir nicht sicher, ob er Deinet- oder meinetwegen so entz\u00fcckt war. Wahrscheinlich ist es die Kombination.- Mittag hie\u00df der begeisterte Knabe, f\u00e4llt mir ein. Ob er nachmittags, wenn er n\u00fcchtern dr\u00fcber nachdenkt, noch seiner Meinung ist? &#8230;<br \/>\n&#8230; Dann funkelte der Mielke mit seinern Spr\u00fchaugen mich an. &#8230; Und pl\u00f6tzlich sagte einer seinesgleichen hinter mir: Genosse Minister haben heute noch nicht getanzt, wollen Genosse Minister nicht tanzen? (w\u00f6rtlich!) Und Genosse Minister senkte seinen Blick auf die H\u00f6he, wo mein Busen sitzt, gab seiner Stimme einen monotonen Klang: Ja, was will ich, will ich tanzen, will ich nicht? W\u00fcrden Sie denn wollen, wenn ich will?! Er schaute auf das Goldgeflecht meiner Ballschuhe und ich herab auf seine Stiefel aus Schweineschwarten (oder war die Rinderhaut aus B\u00fcffelleder bis hoch zum Knie) und auf die vorquellenden Beuteltierhosen, Bridges genannt. &#8211; Warum nicht, sagte ich artig. Ich h\u00e4tt nichts dagegen, obwohl es mir eigentlich verboten wurde. Aber iretwegen kann man ein Verbot ja wohl mal getrost \u00fcbertreten, oder? &#8211; Er horchte auf: Was ist? Wer hat das angeordnet. Hinter meinen R\u00fccken! Wo ist der daf\u00fcr Zust\u00e4ndige. H\u00e4h\u00e4. Das mir! Keiner verl\u00e4\u00dft den Saal. Wenn einer was zu verbieten hat, dann &#8230; Und er fl\u00fcsterte aggressiv mit der Art Humor, ungewollt eine Karikatur auf sich selber spielend, als h\u00e4tte Lubitsch eine Fortsetzung von \u00b4Sein oder Nichtsein\u00b4 inszeniert: Schon gewu\u00dft? Bin der Minister f\u00fcr Staatssicherheit. &#8211; Aha, Ja. Klar hab ich inzwischen mitgekrieggt. Er wollte sogar mit mir hingehen zu der Uniform, deren Insasse sich feige verkr\u00fcmelt hatte, als er merkte, da\u00df seine Eminenz mich bevorzugte mit seiner Aufmerksamkeit. Der Sicherheitchef regte sich sogar richtig echt auf und beklagte sich bei einem seiner Vertrauten: Ist doch die H\u00f6he! Als w\u00e4r ich nicht selbst Manns genug. Unerh\u00f6rt, so was! Kommt einer Entm\u00fcndigung gleich. Fehlt nur noch der Jagdschein. Soll ich dem Kerl einen Denkzettel verpassen, fragte er mich fuchsteufelswild und machte ein Gesicht, als wollte er auf der Stelle ein Duell ausfechten.<br \/>\nIch spielte die k\u00fchle Blonde, lachte am\u00fcsiert: Das schaff ich schon allein, Genosse Minister, mich gegen solche Halbgewalten zu wehren. Er, nun fast vers\u00f6hnt wieder, halb g\u00f6nnerhaft, halb v\u00e4terlich: Wenn Sie mal Kummer haben, Hilfe brauchen. Bin f\u00fcr Sie da. Ohne Spa\u00df. Schreiben Sie. Berlin Lichtenberg, Normannenstra\u00dfe. Kommt an.<br \/>\nNa, ich hoffe doch, nicht in die Lage versetzt zu werden, Ihre Dienstzeit in Anspruch nehmen zu m\u00fcssen, verehrter Herr Minister. Ich bin legetimes Kind der Deutschen Demokratischen Republik, was soll mir da passieren. &#8211; Und meine R\u00fcschen raschelten. &#8211; Wo ich wohne? Prenzlauer Berg. &#8211; Wo genau! &#8211; Zelterstra\u00dfe. &#8211; Nummer! &#8211; Sechs.<br \/>\nEr hielt meine rechte Hand unter seine Augen, als h\u00e4tte er Lupen statt Pupillen. Nein, kein Ehering, nur einer mit Brillianten. Er l\u00e4chelte kindlich, gleichzeitig verschlagen. \u00b4Ein Zwitterwesen\u00b4, , kam\u00b4s mir in den Sinn, \u00b4was f\u00fcr ein mickriger Mephisto.\u00b4 Und dachte, als ich seine auf derStrin vorquellenden Gedanken las: Mach mir blo\u00df kein\u00b4 \u00c4rger. Erspar dir eine Niederlage. Deine dir unterstellten Arbeitsbienen schw\u00e4rmen rum und registrieren jedes Wimpernzucken. Wom\u00f6glich stechen sie mich hinterr\u00fccks, wenn ich durch eine enge Gasse mu\u00df. Doch dicht an meinem Ohr summt er die Melodie vom Tango mit.<br \/>\nMit einem Ruck ward mir bewu\u00dft: Mensch, Eva-Maria, das ist kein Film, keine Kamera l\u00e4uft, kein Schienenwagen wird geschoben, die Lampen sind normale Festtagsbeleuchtung, keine Klappe wird geschlagen, Regieanweisungen sind nicht zu vernehmen, niemand verlangt eine Wiederholung der Einstellung, v\u00f6llig auf sich gestellt ist die Darstellerin in dieser, ihrer eigenen, vom wahren Leben auf sie \u00fcbertragenen Rolle. Und kein Niemand nicht wird jemals sehen, wie gut ich war in dem Streifen \u00b4Oktobersturm\u00b4.<br \/>\nDie Mitternacht war l\u00e4ngst vorbei; ich wollte ins Bett. Die \u00fcbriggebliebenen Herbstst\u00fcrmer aber hingen windschief an den Tanzm\u00e4usen, Chordamen, Schnulzen-S\u00e4ngerinnen, redeten ihnen ein, was f\u00fcr ber\u00fcckende K\u00fcnstlerinnen sie seien. Und \u00fcberhaupt: Was ist das Leben ohne Wein, Weib und Gesang. Nichts! Das stimmt.<br \/>\nIch sa\u00df da mit \u00fcberklarem Kopf, registrierte all das besser als die graumelierten Anz\u00fcge, die in den Ecken rumstanden, vor und hinter allen T\u00fcren, Schaufensterpuppen, gut durchtrainierte Mittelma\u00dftypen. Sie hatten keinen auff\u00e4llig-unbeteiligten Blick mehr, schauten m\u00e4nnlich interessiert auf nacktes Fleisch wie Schulterst\u00fccke, Brustans\u00e4tze, Kniebein, Waden, Haxen, a\u00dfen von den Resten, die noch reichlich dalagen, auf\u00b4m kalten Bufett: Aal in Aspik und ger\u00e4uschert, gef\u00fcllte Teigtaschen, H\u00fchnerkeule, bunte Happen.<br \/>\nUnd ich sehnte mich mit einer so unbeschreiblichen Macht in die Arme meines Liebsten oder wenigsten in seine N\u00e4he. Nach Deinem Kirschmund hatte ich Hunger, Drachent\u00f6ter, Deinen T\u00f6nen wollte ich lauschen, Minnes\u00e4nger, Deine Stimme trinken, Troubadour. Denn nach Deinen himmlisch-iridischen Liedern bin ich s\u00fcchtig und fast krank vor Sehnsucht. &#8211; Das Schlo\u00df und Drumherum hat mich vers\u00f6hnt. Die Sonne und der Himmel haben mich umschmeichelt. Die herrlich bunten Herbstfarben strahlen eine geradezu magischen Kraft aus und haben sie einfach auf mich \u00fcbertragen. Ich will Dir immer abgeben von meinen Sch\u00e4tzen, Dich erheitern,, Dir erz\u00e4hlen von Zwergen, Greisen, Weibsbildern, Wichtel- m\u00e4nnern, Kuriosem, Nebens\u00e4chlichkeiten.<br \/>\nIch freue mich auf Dich, lieber Wolf! &#8211; Eva<\/p>\n<p>Das Buch ist \u00fcber den Buchhandel oder direkt im Online-Shop erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Eva-Maria Hagen<br \/>\nSchauspielerin | S\u00e4ngerin | Autorin | Malerin | Kontakt: info@eva-maria-hagen.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Eva-Maria Hagen Econ Verlag | 542 Seiten | Diederichs, M\u00fcnchen | 1998 | ISBN 3424013609 Am 18.01.1999 wurde Eva-Maria Hagen f\u00fcr \u00bbVerdienste um die deutsche Sprache\u00ab mit der \u00bbCarl-Zuckmayer- Medaille\u00ab in Mainz ausgezeichnet. Den Preis erhielt sie f\u00fcr ihr Buch \u00bbEva und der Wolf\u00ab. 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